Rita Laura Segato über „Territorium, Souveränitat und Verbrechen des zweiten Staates“
Rita Lauro Segato, Anthropologin an der Universität in Brasília, hat sich dem Thema der ungeklärten Frauenmorde in Ciudad Juárez aus wissenschaftlicher Perspektive angenähert. Sie stellt die These auf, dass die Frauenmorde ein Mittel der Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen sind – verantwortlich sind demnach Personen, die vermutlich dem Bereich des Drogenhandels, eng verstrickt mit den Polizeibehörden und der High Society (vgl. Interview mit Marisela Ortiz) angehören. Damit soll zum einen die Loyalität und die Verbrüderung innerhalb dieser Verbindungen (Frau Segato nennt sie fraternidades, Bruderschaften) zum Ausdruck kommen, als auch nach außen das Territorium, d. h. der Wirkungsbereich abgegrenzt werden.
(ssch) Frau Segato beschäftigte sich zwischen 1993 und 1995 in ihren Forschungsarbeiten mit der Denkstruktur von Straftätern, die wegen Vergewaltigung zu Gefängnisstrafen im Gefängnis von Brasília verurteilt waren. Damals konnte sie anhand der geführten Interviews die grundlegende feministische These untermauern, dass sexuelle Verbrechen nicht das Werk von fehlgeleiteten Einzelpersonen sind, nicht das Ergebnis geistiger Krankheiten oder sozialer Anomalitäten, sondern der Ausdruck einer zugrunde liegenden symbolischen Struktur, die unsere Handlungen und Phantasien prägt und sie dadurch verstehbar macht. In anderen Worten: Der Aggressor und die Gesellschaft teilen gleichermaßen ein Geschlechterbild, sie sprechen die gleiche Sprache und können sich verstehen. Die Interviews enthüllten mit großer Deutlichkeit, dass die Vergewaltiger in den meisten Fällen nicht in der Einsamkeit handelten und keine asozialen Tiere sind, die ihren Opfern aus dem Hinterhalt auflauern, sondern Teil der Gesellschaft und dass sie sich in einer „Nische der Kommunikation“ aufhalten, in die eingedrungen und die damit auch verstanden werden kann.
Frau Segato begann, sich auch mit der Serie von Frauenmorden in Juárez zu beschäftigen und eine Theorie zu entwickeln, die diese Morde verständlicher und begreifbarer macht. Als sie daraufhin im Juli 2004 von den Mitarbeiterinnen der Organisationen Nuestras Hijas de Regreso a Casa und Epikeia auf ein Forum über den feminicidio nach Juárez eingeladen wurde und sie dort ihre Thesen in einem Interview auf einem lokalen Fernsehsender vorstellen wollte, fiel für genau die Dauer des Interviews die Ausstrahlung des Senders aus. Dies war nicht der einzige sonderbare Zwischenfall. Als sie im Forum ihren ersten Vortrag gehalten hatte, wurde der Körper einer ermordeten Maquiladora-Arbeiterin gefunden. Der Körper lag an der gleichen Stelle, an der im vorhergehenden Jahr eine andere Frauenleiche gefunden worden war; die Mutter der Toten war die Frau, mit der Frau Segato am Vorabend ein Interview geführt hatte. Frau Segato wurde daraufhin von den Mitarbeiterinnen der Organisationen nahe gelegt, die Stadt zu verlassen, da ihre Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte und durch diese Zwischenfälle – nicht mit Worten ausgesprochen, durch die Vorfälle jedoch deutlich genug – klar gemacht werden sollte, dass einige Personen die Nachforschungen von Frau Segato nicht zulassen würden. Dies zeigte Frau Segato, dass sie sich plötzlich innerhalb des Kommunikationskodexes befand und dass die Spuren, die sie verfolgte, zum Ziel führen könnten.
Das Modell des feminicidio
Frau Segato stellte in ihren Untersuchungen zunächst fest, dass die Morde an jungen Frauen, denen sowohl vom Opferprofil als auch von der Vorgehensweise ein auffällig gleiches Muster zugrunde liegt, von den Behörden, von Polizei und der Öffentlichkeit als Taten wahrgenommen bzw. dargestellt werden, die überall auf der Welt in dieser Form stattfinden können, als Taten, die sexuell motiviert sind und für die jeweils ein einzelner Täter oder eine bestimmte Gruppe verantwortlich ist. Oft wird die Täterschaft auf einen Personenkreis bezogen, der sich ohnehin am Rande der Gesellschaft bewegt, wie die narcos (Drogenhändler). Die Verbrechen werden behandelt wie an jedem anderen Ort in Mexiko, in Zentralamerika oder auf der ganzen Welt: Verbrechen, die aus Leidenschaft begangen werden, im Rahmen häuslicher Gewalt und des sexuellen Missbrauchs, als Vergewaltigungen von Triebtätern, als Morde im Milieu des Drogen- und Frauenhandels, Verbrechen für pornografische Filme, Organhandel etc.
Wie ein Nebelvorhang verhüllen diese Interpretationen einen zentralen Kern, der die besonderen Eigenschaften dieser Verbrechen zeigt, die in allen Fällen übereinstimmen: Die jungen Frauen entsprechen einem bestimmten physischen Bild, sie werden entführt und einige Tage eingesperrt, gefoltert und einer Massenvergewaltigung ausgesetzt, verstümmelt, misshandelt und gewürgt und anschließend ermordet. Spuren und Beweise werden von der Justiz verwischt, vertauscht oder gehen verloren, RechtsanwältInnen und JournalistInnen, die recherchieren, werden bedroht und es werden immer wieder willkürlich falsche Personen beschuldigt, die Verbrechen begangen zu haben. Die Verbrechen werden seit 1993 ununterbrochen begangen und scheinbar gibt es weder Untersuchungen, die glaubhaft eine bestimmte Richtung zur Aufklärung verfolgen, noch wurden Ergebnisse sichtbar. Berücksichtigt man diese bei allen Opfern gleichen Umstände, wird schnell deutlich, dass dies keine Verbrechen sind, die mit dem Motiv „sexuell motiviert“ klassifiziert werden können.
Frau Segato geht anhand der Ergebnisse ihrer Forschung mit Vergewaltigern davon aus, dass auch in der Vergewaltigung eine Kommunikationsstruktur eingegraben ist. Mit dem Akt der Vergewaltigung wird die absolute Dominanz, Hoheit und Kontrolle über die Frau ausgedrückt. Dies wird den anderen vorgeführt, der Ausführende setzt damit im Opfer sozusagen sein Zeichen. Der Tod der ausgewählten Vergewaltigungs- und Mordopfer, die dem Akt der Dominierung ausgesetzt sind, ist ein Tod, der etwas zum Ausdruck bringt, und kein Tod, der aus dem Verbrechen heraus begangen wird. Wenn die Vergewaltigung eine Mitteilung ist, braucht sie notwendigerweise auch einen oder mehrere Gesprächspartner, die physisch damit erreicht werden oder in den Gedankenstrukturen aufgesucht werden können.
Der Vergewaltiger richtet seine Botschaften entlang zweier Kommunikationsachsen aus (und nicht, wie üblicherweise vermutet wird, an einer, nämlich der Achse der exklusiven Kommunikation mit dem Opfer). In der vertikalen Achse ist das Opfer der Adressat. Dieser Diskurs hat eine moralische und strafende Bedeutung: der Vergewaltiger ist der Verteidiger der sozialen Moral, da er über das Schicksal der Frau, das darin besteht, besessen, dominiert, diszipliniert und beschnitten zu werden, wacht. Dadurch wird in dieser Vorstellung der Geschlechterverhältnisse die Hoheit gesichert und reproduziert. Es ist jedoch auch möglich, eine horizontale Achse zu entdecken. Hier kommuniziert der Vergewaltiger auf verschiedene Weise mit seinesgleichen: er erbittet die Aufnahme in die Gemeinschaft und aus dieser Perspektive ist die vergewaltigte Frau so etwas wie das Opfer im Initiationsritus. Der Vergewaltiger wetteifert mit den anderen und zeigt, dass er der Aufnahme würdig ist, besetzt einen Platz in der männlichen Brüderschaft und wird sich hocharbeiten in einem System, das nur die hierarchische Sprache und die pyramidale Organisation kennt. Der männliche Status ist demnach an seine Beschaffung gekoppelt, er muss immer wieder bestätigt werden und fordert seinen Tribut, nämlich die Frauen als Opfer.
Los „dueños“ de Ciudad Juárez
Wenn man die Mordfälle von Ciudad Juárez nach diesem zugrunde liegenden Motiv betrachtet, so wird schnell deutlich, dass die Mörder die wahren „Eigentümer“ von Juárez sind. Sie erlangen die Kontrolle und die Hoheit über die Stadt, indem sie die Frauen der Stadt umbringen. Es ist ebenso daraus zu schließen, dass es Personen mit großer ökonomischer Macht sind, die in Gruppen agieren und mafiaähnliche Strukturen aufgebaut haben. Diese Strukturen, die Frau Segato cofradías (Bruderschaften) nennt, sind vermutlich Gruppen von reichen und mächtigen Unternehmern, Drogenhändlern, verbunden mit mächtigen Personen aus Polizei, Justiz, Politik und dem gesellschaftlichen Leben von Juárez. Diese Verbindungen kommen alten feudalen Strukturen nahe und ähneln einer postmodernen Variante des „Rechts auf die erste Nacht“, in dem der Ausübende mit dem Recht über den Körper der Frauen die absolutistische Herrschaft über seine Leibeigenen hinaus ausdehnt. In der gegenwärtigen, mehr als grausamen postmodernen, neoliberalen, poststaatlichen und -demokratischen Ordnung bekommen die heutigen Machthaber, die Barones, die Möglichkeit, die fast absolute Kontrolle über ihre Territorien zu erhalten. Dies geschieht aufgrund der unkontrollierten Akkumulationsprozesse, welche Merkmale sind für Grenzregionen, die dazu ausgeweitet werden durch die Globalisierung der Ökonomie und die gelockerten gültigen Regeln für den neoliberalen Markt. Die einzige Regulierungskraft und Kontrolle dieser herrschenden Gruppen liegt in der Gier der konkurrierenden Gegner und in ihrer Stärke, sie auszubooten und zu enteignen. Dieser „regionale Mikrofaschismus“, wie Frau Segato dieses Phänomen nennt und die totalitäre Kontrolle der Provinz begleiten die Dekadenz der öffentlichen Ordnung auf dieser Seite der großen Grenze und fordern mehr denn je die Anwendung von Mitteln der Justiz und Kontrolle internationalistischer Prägung.
Diese Forderung nach Rechtstaatlichkeit und Kontrolle entspringt den gemachten Erfahrungen, dass Nachforschungen der mexikanischen Behörden, der Polizei und der lokalen Justiz so schleppend vorwärts gingen, dass man in diesen Fällen seit langem von systematischer Straflosigkeit spricht. Die Morde werden nicht nur von der herrschenden Straflosigkeit gedeckt, sondern auch das Gegenteil ist der Fall: die Morde verursachen die Straflosigkeit. Möglich ist so etwas in einem sogenannten „zweiten Staat“ im Staat: einem Parallelstaat, der sich entwickelt und erstarkt durch die Schwächung der Institutionen der Regierung.
Die Justiz ist gefordert
Diese Analysen von Frau Segato, die die Mechanismen und Strukturen klar benennen und den Schleier des scheinbar Unerklärlichen dieser Frauenmordserie etwas lüften, finden sich dann auch wieder in den Forderungen der Organisationen, die in Ciudad Juárez arbeiten. Wie notwendig das Eingreifen der Justiz und der Regierung in diesen Fällen ist, betonen alle MitarbeiterInnen dieser Einrichtungen. Denn nur in einer Gesellschaft, die die hierarchischen und machistischen Strukturen ständig reproduziert, ohne dass mit rechtsstaatlichen Mitteln konsequent dagegen vorgegangen wird, ist es möglich, dass sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren Morde an Frauen in der Art und Weise ereignen, wie es in Ciudad Juárez der Fall ist.