Illusionen der Grenze

 

Wenn du noch nie in der Wüste warst, weißt du nicht, was das „Nichts” ist. Nichts ist, sich nach allen Seiten umzublicken und nur genau das zu entdecken – nichts. Es ist ein riesiges Meer von Sand mit dem einen oder anderen Busch, der zufällig irgendwo steht, es ist eine Stille, die du nicht einmal mit deiner Stimme brechen kannst. In der Nacht scheint sich das Nichts zu verewigen. An einem bestimmten Punkt, wird es derart absolut, dass es sich mit dem Alles zu vereinen scheint; aber dann, gerade wenn der Tag beginnt, zeichnet sich das Nichts wieder ab.

Der Lote Bravo (ein Grundstück, auf dem viele ermordete Frauen gefunden wurden) ist aus dem Nichts gezeichnet. (Aus dem Buch „Die Stille, die von den Stimmen aller gebrochen wird – Frauen und Opfer von Ciudad Juárez”)

 

(dt) Wenn das Nichts existieren würde, wäre Ciudad Juárez ein Punkt innerhalb dieses Nichts. Die Stadt befindet sich auf der rechten Seite des Rio Bravo (in den USA „Grande“ genannt), gegenüber der Stadt El Paso, Texas, als ob die trockene Wüste Chihuahuas sie dazu antreiben würde, über die Grenzanlage zu springen. Nachdem, was die wenigen dort Geborenen von Juárez erzählen, ähnelte die Stadt vor 30 Jahren sehr den Klischees der Filmindustrie der USA. Ein ruhiges Nest mit Kantinen und Bars gegenüber den Vereinigten Staaten. Aber die große Nähe von Juárez zu dem „Bruder im Norden“ hat es von Gott entfernt, oder zumindest dafür gesorgt, dass Gott die Bewohner von Ciudad Juárez vergisst. Diejenigen, die diesen Ort nicht vergessen haben, sind – unter anderem – die multinationalen Körperschaften; es war unmöglich, so viel und so billige Arbeitskraft, die noch dazu so nah am Zentrum des Konsums lag, ungenutzt zu lassen. So kam es, dass sich seit ca. 15 Jahren entlang der mexikanischen Grenze zu den USA Fabriken angesiedelt haben, die sogenannten Maquiladoras. Aber die Illusion der „guten Löhne“ ist nicht das einzige Licht, das Tausende von MexikanerInnen blendet und sie zu dieser Erde, oder besser: in diesen Sand führt. Es gibt ein Licht, das mit noch mehr Intensität strahlt und seine Erwähnung hat noch mehr Anziehungskraft. Für die, die auf dieser Seite (einigen wir uns darauf, dass „diese Seite“ Mexiko ist) sind, scheint der „american dream“ nur wenig mehr als hundert Meter entfernt zu sein. Einen Fluss zu überqueren ist keine große Schwierigkeit – noch weniger, wenn es Brücken gibt –, aber der Rio Bravo ist ohne Zweifel einer der unüberwindbarsten Flüsse der Welt. Nicht wegen seiner Strömung (obwohl viele bei dem Versuch, ihn zu überqueren, ertrinken), sondern durch den Aufmarsch von Kontrolltechnologie, die sich auf der linken Seite des Flusses, also in den USA befindet. Diese Orgie von Zäunen, Kameras, Wachhäusern und anderer Ausstattung hat eine einzige Funktion: die MexikanerInnen und andere „Unerwünschte“ vom amerikanischen Traum fern zu halten. Natürlich existiert diese Grenze nicht für den Güter- und Warenverkehr, d. h. immer dann, wenn der Austausch den Mächtigen im Norden zugute kommt. Nebenbei zu erwähnen sind die Geschäfte, von denen man sagt, dass man gar nichts davon weiß. Die Rede ist von Schwarzhandel, von welchen Dingen auch immer. Über diese Grenze kommen täglich Tonnen von Kokain und anderen Drogen in die USA, sie werden in großem Stil geschmuggelt, sei es nach oder von der anderen Seite.

Schlepperorganisationen führen nicht dokumentierte Personen, aus dem gleichen Mexiko, Zentralamerika oder auch jedem anderen Teil der Welt stammend, ein.

Diese Situation der Abschottung der Grenze hat sich seit 2001 verstärkt, was dazu führte, dass viele MigrantInnen anfangen mussten, noch risikoreichere Routen durch die Wüste zu suchen, um diese am stärksten kontrollierte Grenze zu passieren. Für andere wurde die Grenze unpassierbar und so kommt es dazu, dass sie, in Juárez angekommen, dort bleiben, um sich in die Schlangen derer einzureihen, die Arbeit suchen in den Maquilas, wo auch sonst.

Sie setzen sich in den offiziellen Statistiken fest, bis man den Eindruck gewinnt, dass die Maquila ein Motor der Entwicklung von Ciudad Juárez ist. Wenn man die tägliche Schaffung von Arbeitsplätzen anschaut, dann ist das auch so, nicht aber, wenn man die Arbeitsbedingungen berücksichtigt. Mit Sicherheit hat dieses Modell der ökonomischen Entwicklung in keiner Weise eine soziale Entwicklung für die Region mit sich gebracht hat. Die Mehrzahl der Straßen ist ungeteert und ohne Beleuchtung. In vielen Vierteln, die durch die Ankunft von ArbeiterInnen entstanden sind, gibt es keine Infrastruktur für Wasser oder Elektrizität. Fahrtmöglichkeiten bestehen nur für einen Weg: zu den Fabriken hin. Für die Rückfahrt nach Hause ist nicht gesorgt.

In den Maquilas arbeiten überwiegend Frauen, aber genau wie überall sonst sind die höheren Posten von Männern besetzt. Ein anderes Defizit in der Planung ist das Fehlen von Kinderbetreuungstätten, seien sie öffentlich oder von den Fabriken eingerichtet.

Die Frauen in Juárez haben sich in ein Ersatzteil der Industrie verwandelt: niedrige Löhne, willkürliche Entlassungen und viele „und so weiter“ mehr, die zeigen, dass der mexikanische Staat sich überhaupt nicht um die menschliche Seite der Entwicklung kümmert.

Aber die Frauen sind nicht nur aufgrund der prekären Arbeitssituation Opfer dieses Modells. In dieser Stadt sind seit 1993 410 Frauen auf brutale Weise umgebracht worden, 15 sind es bereits in diesem Jahr (2005) und es gibt mehr als 400 Verschwundene.

Die Behörden auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene bemühen sich zu betonen, dass es sich um sexuell motivierte Verbrechen handelt. Aber diese Behauptung verbirgt ein Muster, das die Vorgehensweise der Behörden in diesen Jahren stark beeinflusst hat: der Versuch, abzulenken und zu verwirren. Dies hieß z. B. auch zum Zeitpunkt einer Untersuchung, dort zu suchen, wo man wusste, dass man nichts finden würde. Wenn diese Verbrechen, „einfache“ Verbrechen von häuslicher Gewalt wären, warum sind dann so viele noch nicht aufgeklärt?

Darum nennen die Organisationen und AkademikerInnen, die sich nicht mit den schwachen Erklärungen der Behörden zufrieden geben, dieses Phänomen in Ciudad Juárez feminicidio. Wir wissen, dass der Begriff einer Erklärung bedarf. Seine Übersetzung ins Deutsche würde noch dazu zu viele Konnotationen mit der deutschen Geschichte heraufbeschwören, so dass wir es vorziehen, ihn weiterhin auf Spanisch zu verwenden. Sicher ist, dass diejenigen, die ihn benutzen, davon ausgehen, dass die Opfer deshalb Opfer sind, weil sie Frauen sind und dass es in Juárez lebensgefährlich ist, eine junge, arme Frau mit brauner Haut zu sein. (Siehe “Was ist feminicidio?”)

Hinter diesen scheinbar mysteriösen Todesfällen findet man ein perverses System von Machtkampf, das die brasilianische Anthropologin Rita Laura Segato in ihrer Arbeit „Die Handschrift auf den Körpern der ermordeten Frauen in Juárez“ erklärt (siehe eigenen Artikel). Der letzten vertrauenswürdigen Statistik zufolge sind von den Ermordeten 137 zuerst vergewaltigt worden (vgl. amnesty international „Intolerable Killings: Ten years of abductions and murders in Ciudad Juárez and Chihuahua“ 2003).

 

Die Behörden scheinen nicht die Absicht zu haben, diese Fälle aufzuklären. Es ist wenig oder gar nichts, was sie dafür tun, diese Situation zu ändern. Was sie machen, ist, Maßnahmen ergreifen und Erklärungen geben „pour la galerie“. Das Thema wird nach einem Schema behandelt, das den Opfern selbst die Schuld an ihrem Schicksal gibt. Gouverneure, Bürgermeister, Polizeichefs usw. haben gebetsmühlenartig wiederholt, dass es sich um Frauen handelt, die ein „leichtes“ Leben führen, die Drogenabhängige, Prostituierte oder Striptease-Tänzerinnen sind; als ob dies sie in rechtlose Personen verwandeln würde, die man einfach töten kann.

Diese Verbrechen haben das soziale Leben von Juárez verändert, die Mehrheit der BewohnerInnen wissen um diese Verbrechen, aber es scheint, dass sie es nicht wissen wollen. Vielleicht funktioniert deshalb auch das Schema Opfer gleich Schuldige so gut.

Als ich letztes Jahr in dieser Stadt war, haben, soweit ich mich erinnere, alle Unbekannten, die ich auf diese toten Frauen ansprach, nichts anderes gesagt als: „Sie haben es sich so ausgesucht“. Auch die Presse spielte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung dieser Vorstellung, bis auf ein paar ehrenhafte Ausnahmen. Die katholische Kirche trug ebenfalls zu dieser Verwirrung bei: der Bischof hat mehr als einmal bekräftigt, dass diese Vorkommnisse in Juárez dem moralischen Verfall, der die Stadt beherrscht, geschuldet sind. Auf diese Weise hat sich die Kirche denen angeschlossen, die den Opfern die Schuld geben. Ein anderes schwerwiegendes Problem ist die Straflosigkeit dieser Verbrechen. Bis jetzt ist noch kein einziger Fall glaubhaft aufgeklärt worden; ja, es wurden ein paar Personen eingesperrt, aber von keinem wird angenommen, dass er der wahre Schuldige ist. Mehr als einmal wurde öffentlich gemacht, dass die Landeskriminalpolizei des Staates (die es inzwischen nicht mehr gibt) direkt mit diesem Horror in Verbindung steht und dass, wenn diejenigen selbst die Schuldigen sind, die die Aufgabe haben, die Schuldigen zu ermitteln, es nie zur Aufklärung kommen wird. Auch wird vom „Kartell der Polizeieinheiten“ gesprochen, wenn es um die Verbindung der Polizei mit dem Drogenhandel geht. Die verschiedenen mit dem Fall beauftragten StaatsanwältInnen und KommissarInnen haben nichts anderes gemacht, als zu versuchen, die Statistiken zu fälschen, um den Dreck unter den Teppich zu kehren. Keiner der aufgestellten Pläne, die die Gewalt gegen die Frauen verhindern sollten, hat trotz der hohen Kosten funktioniert, weil sie auf die Frauen zielten und nicht auf die Aggressoren.

Trotz des Deckmantels der Stille, den man über den feminicidio ausbreiten wollte, ist der Schrei der Frauen von Juárez weit gedrungen. Allerdings nicht ohne Probleme. Es ist den Organisationen und Personen nicht leicht gefallen, den Nebel zu lichten. An erster Stelle war es für die Familien der Opfer sehr schwer, über ein Problem zu reden, das offiziell nicht existiert. Der Vorwurf an die sozialen Organisationen war, daraus Nutzen zu ziehen. Viele der MenschenrechtsaktivistInnen wurden mit Drohungen konfrontiert, die bis zu körperlicher Gewalt gingen oder öffentlicher Anschwärzung von Seiten der Industrie- und Handelskammer, der PolitikerInnen und sogar der Kirche. Für den ehemaligen Bürgermeister von Ciudad Juárez war das echte Problem nicht die ermordeten oder verschwundenen Frauen, sondern deren Mütter, die mit ihren Forderungen nach Gerechtigkeit „das Bild der Stadt beschmutzen“. Menschen, die das Thema ernsthaft untersuchen wollten, setzten sich einem Risiko aus: Diana Washington, Journalistin und US-amerikanische Dozentin, Autorin des Buches „Frauenernte“, ist es verboten, nach Juárez zu gehen, es sei denn, sie wird vom FBI in gepanzerten Fahrzeugen begleitet. Sergio Gonzales, Autor von „Knochen in der Wüste“ wurde in Mexiko-Stadt halbtot geprügelt, nicht ohne vorher davon unterrichtet worden zu sein, dass es wegen Juárez sei. Diese AutorInnen sind in ihren Untersuchungen Wegen gefolgt, die von der Polizei verworfen worden waren und die zu dem Mörder oder den Mördern führen könnten.

Doch dieser Schrei ist nicht umsonst gewesen. Seit einigen Jahren haben sich in Mexiko und im Ausland Solidaritätsnetze gebildet, die auf die eine oder andere Weise den Kampf der Familien um Gerechtigkeit und für ein Ende dieses Horrors unterstützen. Aufgrund des internationalen Drucks – von Seiten der UNO und der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) – hat die mexikanische Regierung angefangen, ihre Verantwortung anzuerkennen, dass der Staat der letzte Garant für das Leben und die Unversehrtheit seiner BürgerInnen ist. Auch die Lobbyarbeit von Organisationen aus den USA und Europa hat dazu geführt, dass die jeweiligen Länder diplomatischen Druck auf Mexiko ausüben mit dem Ziel, dass diese Verbrechen aufgeklärt werden. Hier in Deutschland ist das Thema nur sehr wenig in den Medien behandelt worden. Vor allem ging die Berichterstattung nicht in die nötige Tiefe, um klar zustellen, dass es einen Unterschied gibt zwischen häuslicher Gewalt und dem feminicidio.

Das Ökumenische Büro hat, mit der finanziellen Unterstützung des Diakonischen Werkes, in diesem Jahr eine Initiative gestartet, die zum Ziel hat, den feminicidio sichtbar zu machen. Unser Hauptziel ist es, uns mit den Organisationen in Ciudad Juárez zu solidarisieren und sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Ein anderes wichtiges Ziel ist es, dieses Problem sichtbar zu machen, um auf diese Weise die Unversehrtheit derer gewährleisten zu können, die in Juárez zu diesem Thema arbeiten.

Die geplante Arbeit, deren erste Etappe bereits beendet ist, ist die Sammlung von Material und Studien. Wir beginnen gerade mit der zweiten Etappe, nämlich der Veröffentlichung von dem, was wir erarbeitet haben. Von jetzt an wollen wir durch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, durch Gespräche, Diskussionen, Veröffentlichungen in anderen Medien etc. einer größtmöglichen Zahl von Personen das, was in Juárez passiert, bekannt machen und sie dazu einladen, sich dafür zu interessieren und gemeinsam mit der Arbeit zu diesem Thema anzufangen bzw. weiterzumachen.

Mit anderen Worten: wir wollen mit Hilfe dieser Initiative die Informationen dieses Themas in Deutschland von anderer Seite betrachten, um so zu versuchen, die Dimension des Problems bewusst zu machen. (Siehe Kasten Ziele)

 

*Diese Fabriken zeichnen sich durch die Zahlung eines, im Verhältnis zur Produktivität, sehr niedrigen Lohnes aus und die Arbeitsbedingungen sind äußerst prekär. Die Angestellten dieser Fabriken sind völlig ungeschützt vor der Willkür der ArbeitgeberInnen und WerksführerInnen. Dadurch, dass in anderen Regionen Mexikos die Arbeitsbedingungen, zumindest was den Lohn angeht, noch schlechter sind, fühlen sich viele Personen durch die scheinbar guten Löhne, die in den Maquilas gezahlt werden, angezogen.

 

+++++++++++++++++kasten 1+++++++++++++++++++++++++++++

Ziele

* Die Zielgruppe durch Informations- und Öffentlichkeitsarbeit in der BRD am Beispiel Ciudad Juárez über Straflosigkeit und ihre politischen und ökonomischen Hintergründe informieren.

* Über Öffentlichkeitsarbeit und Urgent Actions Druck auf politische MandatsträgerInnen in Mexiko ausüben, damit diese Taten nicht unbestraft bleiben.

* MultiplikatorInnenarbeit leisten, um Einzelpersonen und Gruppen als UnterstützerInnen für die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen und Gruppen, die zum Thema arbeiten, zu vernetzen.

 

Zielgruppe:

* An Menschenrechtsthemen interessierte Basisgruppen

* Kirchliche Gruppen

* Lateinamerika-Gruppen

* Feministische Gruppen und Einzelpersonen

* Globalisierungskritische Gruppen

 

Kooperationspartner:

* Mexiko-Solidaritätsgruppen

* Frauen/Lesben-Organisationen

* Studentischen Vertretungen

* Menschenrechtsgruppen

* Menschenrechtsorganisationen aus Ciudad Juárez

 

Arbeitsschwerpunkte:

* Vertiefung bereits hergestellter Kontakte mit Menschenrechtsorganisationen aus Ciudad Juárez und Erweiterung dieser Kontakte auf Organisationen aus Chihuahua, Mexiko

* Untersuchung der verschiedenen Berichte von Menschenrechtsorganisationen, der UNO und der Sonderkommissionen der Regierung

* Internetrecherche zu den bereits existierenden Studien, hier wird ein Schwerpunkt auf die sozioökonomischen Hintergründe der Frauen gelegt.

* Vermittlung von Kontakten für Studierende aus Deutschland zu mexikanischen Organisationen zur empirischen Forschung

* Informationsveranstaltungen und Rundreise mit Mitgliedern von Menschenrechtsorganisationen aus Mexiko. Die Rundreisen bieten auch eine Möglichkeit, das Thema mit einem aktuellen Bezug in die bürgerliche (Lokal-)Presse zu bringen.

*ReferentInnen zum Thema Straflosigkeit am Beispiel der systematischen Frauenmorde in Ciudad Juárez zu vermitteln.

 

+++++++++++++++++++++++++kasten 2+++++++++++++++++++++

Was ist feminicidio?

Marcela Lagarde y de los Ríos

 

Es ist notwendig klarzustellen, dass es feminicidio in Zeiten von Krieg und Frieden gibt. Die Kategorie feminicidio ist Teil des theoretischen Wortschatzes des Feminismus. Seine Autorinnen sind Diana Russell und Jill Radford. Ihr Text heißt „Femicide. The politics of woman killing“.

Die Übersetzung von femicide ist femicidio. Ich übersetzte ihn ohne zu Zweifeln von femicide in feminicidio und auf diese Weise habe ich den Ausdruck verbreitet. Auf Spanisch ist femicidio analog zu homicidio (zu Deutsch Mord) und bedeutet schlicht: Mord an Frauen. Um zu differenzieren, bevorzugte ich den Ausdruck feminicidio, um so die Gesamtheit der Verletzung der Menschlichkeit, die die Verbrechen an den Frauen und ihr Verschwinden kennzeichnen, zu benennen.

Der feminicidio ist der Genozid gegen Frauen. Dazu kommt es, wenn die geschichtlichen Bedingungen soziale Praktiken entstehen lassen, die Attacken gegen Unversehrtheit, Gesundheit, Freiheiten von Frauen zulassen. Der Begriff feminicidio vereint in Zeit und Raum Verletzungen gegen Frauen von Seiten Bekannter oder Unbekannter, Gewalttätiger, Vergewaltiger, Individualtäter oder Gruppentäter, Gelegenheitstäter oder Professionellen, die zum grausamen Mord einiger Opfer führen. Nicht alle Verbrechen sind von Serienmördern begangen worden. Es gibt Serien, es gibt aber auch „individuelle” Morde. Ein paar wurden von bekannten Akteuren begangen: von Partnern, Eltern, Liebhabern, Ehemännern, Begleitern, Familienangehörigen, Besuchern oder Kollegen; aber sie werden auch von Unbekannten und Anonymen verübt und von mafia-ähnlichen Gruppen von Verbrechern, die ein Leben in Gewalt und voller Kriminalität führen. Ohne Zweifel haben alle Verbrechen eines gemeinsam: die Frauen sind benutzbar, entbehrlich, misshandelbar und wegwerfbar. Letztendlich stimmen sie alle in ihrer unendlichen Grausamkeit überein und sind, in der Tat, Verbrechen des Hasses gegen Frauen.

Damit ein feminicidio entstehen kann, müssen auf kriminelle Weise Stille, Unterlassung, Nachlässigkeit und Absprachen der Behörden zusammentreffen, die zur Verbeugung und Verhinderung dieser Verbrechen beauftragt sind. Es handelt sich um feminicidio, wenn der Staat den Frauen keine Garantien geben kann und keine Bedingungen dazu schafft, die die Sicherheit der Frauen für ihr Leben in der Gemeinschaft und zu Hause gewährleisten. Nicht einmal auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit ist für Sicherheit gesorgt. Außerdem kommen die Behörden ihren Funktionen nicht effizient nach. Deswegen ist der feminicidio ein Verbrechen des Staates.

Der feminicidio entsteht durch das ideologische und soziale Umfeld des Machismo und der Frauenfeindlichkeit, der alltäglichen Gewalt gegen Frauen und durch die Existenz rechtsfreier Räume und durch gewisse Regierungspraktiken. All das erzeugt Bedingungen eines unsicheren Zusammenlebens für die Frauen, bringt ihr Leben in Gefahr und begünstigt genau die Verbrechen, deren Aufklärung und Beseitigung wir fordern.

Zum feminicidio tragen die soziale Stille, die Nichtbeachtung und die Idee bei, dass es dringendere Probleme gibt. Die Scham und Wut tragen nicht dazu bei, die Realität zu verändern. Die Taten werden als unbedeutend dargestellt und sollen beweisen, dass es nicht so viele Opfer gibt.